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Essen – Industriemetropole im Grünen
Essen gehört zu den Städten, deren heutiges Erscheinungsbild von außergewöhnlich starken Gegensätzen geprägt ist. In der nordrhein-westfälischen Großstadt treffen mittelalterliche Kirchengeschichte, die Industriekultur von Kohle und Stahl, moderne Unternehmenszentralen, renommierte Kunstmuseen und ausgedehnte Grünflächen aufeinander. Jahrzehntelang stand der Name Essen vor allem für Krupp, Bergbau und Schwerindustrie. Heute präsentiert sich die Stadt als Kultur-, Wirtschafts-, Messe- und Hochschulstandort, der seine industrielle Vergangenheit nicht versteckt, sondern als wichtigen Teil seiner Identität bewahrt.
Geografische Lage, Bundesland und Einwohnerzahl
Essen liegt im Zentrum des Ruhrgebiets und gehört zum Bundesland Nordrhein-Westfalen sowie zum Regierungsbezirk Düsseldorf. Die kreisfreie Stadt ist Teil der Metropolregion Rhein-Ruhr und grenzt unter anderem an Mülheim an der Ruhr, Oberhausen, Bottrop, Gelsenkirchen, Bochum, Hattingen, und Velbert.
Das Stadtgebiet umfasst rund 210 Quadratkilometer und ist in neun Stadtbezirke mit insgesamt 50 Stadtteilen gegliedert. Die Ruhr durchfließt den südlichen Teil Essens. Dort liegt auch der etwa sieben Kilometer lange Baldeneysee. Der Norden ist traditionell stärker industriell und dichter bebaut, während der Süden mit Wäldern, historischen Ortskernen, Villenvierteln und dem Ruhrtal überraschend grün wirkt.
Am 31. Dezember 2025 waren 573.618 Menschen mit Hauptwohnsitz in Essen gemeldet. Damit gehört Essen weiterhin zu den größten Städten Deutschlands. Die Bevölkerungszahl lag nur geringfügig unter dem Stand des Vorjahres.
Entstehung und frühe Geschichte
Der Name Essen geht vermutlich auf die frühmittelalterliche Bezeichnung Astnide zurück, die häufig als „Ort im Osten“ gedeutet wird. Die eigentliche Stadtentwicklung begann in der Mitte des 9. Jahrhunderts. Um 850 gründeten der spätere Hildesheimer Bischof Altfrid und seine Verwandte Gerswid auf ihrem Besitz eine geistliche Frauengemeinschaft.
Aus diesem Damenstift entwickelte sich ein bedeutendes religiöses und politisches Zentrum, dem später vor allem Frauen aus dem Hochadel angehörten. Rund um das Stift entstand eine Siedlung von Handwerkern, Kaufleuten und Bediensteten.
Im Jahr 1244 vereinbarten Vertreter der Bürgerschaft und der Fürstäbtissin den Bau einer Stadtmauer. Dadurch erhielt Essen einen klar abgegrenzten städtischen Rechtsraum. Parallel entwickelte sich das heutige Werden im Süden der Stadt aus einem Benediktinerkloster, das der Missionar Liudger bereits um 799 gegründet hatte.
Das Stift Essen und die Abtei Werden bestanden bis zur Säkularisation von 1803. Danach fielen beide geistlichen Territorien zunächst an Preußen. Diese lange kirchliche Geschichte ist noch heute im Essener Dom, im Domschatz und in den historischen Bauwerken des Stadtteils Werden sichtbar.
Vom kleinen Ort zur Industriestadt
Kohle wurde auf dem heutigen Essener Stadtgebiet bereits im Mittelalter gewonnen. Schriftlich erwähnt wird ihr Vorkommen erstmals im Jahr 1317. Für das 15. Jahrhundert ist ein regelmäßiger Kohleabbau auf Essener Gebiet nachgewiesen. Der entscheidende wirtschaftliche Wandel setzte jedoch erst im 19. Jahrhundert ein.
Im Jahr 1811 gründete Friedrich Krupp eine Gussstahlfabrik. Unter seinem Sohn Alfred Krupp entwickelte sie sich zu einem weltweit tätigen Industrieunternehmen. Gleichzeitig entstanden Tiefbauzechen, Kokereien und Eisenbahnverbindungen. Zwischen 1840 und 1860 wurden in Essen und der näheren Umgebung zahlreiche neue Zechen abgeteuft.
Kohle, Stahl und Maschinenbau ließen die Bevölkerung explosionsartig wachsen. Essen wurde zu einem der wichtigsten Zentren der europäischen Montanindustrie. Die Krupp-Werke prägten nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Stadtplanung und das gesellschaftliche Leben. Arbeitersiedlungen, Bahnanlagen, Fabrikhallen und soziale Einrichtungen entstanden.
Ein bekanntes Beispiel ist die Margarethenhöhe. Die Gartenstadt wurde 1906 von Margarethe Krupp gestiftet und nach Plänen des Architekten Georg Metzendorf errichtet. Sie sollte gesunden und zugleich bezahlbaren Wohnraum bieten und gilt heute als eine der schönsten historischen Wohnsiedlungen Deutschlands.
Zerstörung, Wiederaufbau und Strukturwandel
Im Zweiten Weltkrieg wurde Essen als bedeutender Industrie- und Rüstungsstandort schwer bombardiert. Große Teile der Innenstadt und der Industrieanlagen lagen 1945 in Trümmern. Nach Kriegsende begann unter dem damaligen Oberbürgermeister Gustav Heinemann der Wiederaufbau.
In den folgenden Jahrzehnten veränderte die Kohlekrise die Stadt erneut. Die meisten Zechen schlossen zwischen den späten 1950er- und frühen 1970er-Jahren. Im Jahr 1986 endete mit der Stilllegung der Zeche Zollverein der aktive Steinkohlebergbau in Essen.
Aus der früheren Montanstadt wurde schrittweise ein Zentrum für Dienstleistungen, Energieunternehmen, Verwaltung, Bildung, Gesundheit, Kultur und Messen. Besonders sichtbar ist dieser Strukturwandel auf dem Gelände der Zeche und Kokerei Zollverein. Statt die Industrieanlagen abzureißen, wurden sie erhalten und einer neuen kulturellen Nutzung zugeführt.
Seit 2001 gehört der Industriekomplex Zollverein zum UNESCO-Welterbe. Heute befinden sich dort unter anderem das Ruhr Museum, das Red Dot Design Museum, Veranstaltungsräume sowie Einrichtungen für Kunst, Design und Kreativwirtschaft.
Auch das grüne Gesicht der Stadt gewann zunehmend an Bedeutung. Der Grugapark, der Baldeneysee, zahlreiche Wälder und ehemalige Bahntrassen bieten Raum für Erholung, Wandern und Radfahren. Im Jahr 2017 trug Essen den Titel „Grüne Hauptstadt Europas“. Damit wurde der erfolgreiche Wandel von einer durch Kohle und Stahl geprägten Industriestadt zu einer grüneren und nachhaltigeren Metropole gewürdigt.
Tourismus in Essen
Essen zieht Kulturreisende, Messegäste, Geschäftsreisende, Konzertbesucher und Fans der Industriekultur an. Im Jahr 2024 wurden rund 985.150 Gästeankünfte in den Essener Hotels und Beherbergungsbetrieben registriert. Die Gäste erzeugten zusammen mehr als 1,8 Millionen Übernachtungen.
Tagesbesucher, die beispielsweise Zollverein, den Baldeneysee, Konzerte, Veranstaltungen, Fußballspiele oder die Einkaufsstraßen besuchen, werden in diesen Übernachtungsstatistiken nicht erfasst. Die tatsächliche Zahl der jährlichen Besucher liegt daher deutlich höher.
Sehenswürdigkeiten und Ausflugsziele
- UNESCO-Welterbe Zollverein: Die ehemalige Zeche und Kokerei ist das bekannteste Wahrzeichen Essens. Der markante Doppelbock von Schacht XII steht sinnbildlich für die Industriekultur des Ruhrgebiets. Besucher können an Führungen teilnehmen, Museen besuchen oder das Gelände zu Fuß und mit dem Fahrrad erkunden.
- Villa Hügel: Das frühere Wohn- und Repräsentationshaus der Familie Krupp wurde von 1870 bis 1873 errichtet. Das Gebäude besitzt 269 Räume und rund 8.100 Quadratmeter Nutzfläche. Es liegt in einem großzügigen Park oberhalb des Baldeneysees und kann heute teilweise besichtigt werden.
- Museum Folkwang: Das international bekannte Kunstmuseum zeigt bedeutende Werke der deutschen und französischen Malerei und Skulptur des 19. Jahrhunderts, des Expressionismus und der klassischen Moderne. Auch Fotografie, Grafik und Plakatkunst sind wichtige Bestandteile der Sammlung.
- Essener Dom und Domschatz: Im Zentrum der Stadt erinnert der Dom an das mittelalterliche Frauenstift. Berühmt ist die Goldene Madonna aus der Zeit um 980. Sie gilt als älteste erhaltene vollplastische Marienfigur der Welt und gehört zu den bedeutendsten Kunstwerken des Essener Domschatzes.
- Baldeneysee: Der größte Ruhrstausee liegt im grünen Süden Essens. Er ist ein beliebtes Ziel zum Segeln, Rudern, Kanufahren, Wandern und Radfahren. In der warmen Jahreszeit verkehren Ausflugsschiffe der Weißen Flotte auf dem See und der Ruhr.
- Grugapark: Der weitläufige Stadtpark bietet Themengärten, Spielplätze, Tiergehege, Kunstwerke und Veranstaltungsflächen. Seine heutige Größe und Gestaltung gehen wesentlich auf die Bundesgartenschau von 1965 zurück.
- Margarethenhöhe: Die denkmalgeschützte Gartenstadt verbindet abwechslungsreiche Architektur mit begrünten Plätzen, kleinen Gärten und verwinkelten Straßen. Sie gilt als eines der bekanntesten Beispiele der deutschen Gartenstadtidee.
- Werden und Kettwig: Beide Stadtteile besitzen historische Ortskerne. Werden ist für seine Basilika, die ehemalige Abtei und alte Wohnhäuser bekannt. Kettwig hat zahlreiche Fachwerkhäuser aus dem 17. bis 19. Jahrhundert sowie verwinkelte Gassen bewahrt.
- Alte Synagoge: Das von 1911 bis 1913 errichtete Gebäude gehört zu den bedeutenden Zeugnissen jüdischer Kultur im Ruhrgebiet. Heute dient es als Haus jüdischer Kultur und informiert über jüdische Geschichte, Religion und Lebensweisen.
Bekannte Persönlichkeiten
- Alfred Krupp: Der 1812 in Essen geborene Unternehmer entwickelte die Gussstahlfabrik seiner Familie zu einem international tätigen Industriekonzern.
- Heinz Rühmann: Der 1902 in Essen geborene Schauspieler wurde zu einem der bekanntesten deutschen Filmschauspieler des 20. Jahrhunderts.
- Helmut Rahn: Der Essener Fußballspieler erzielte im Finale der Weltmeisterschaft 1954 das entscheidende Tor für Deutschland und wurde als „Boss“ zu einer Sportlegende.
- Otto Rehhagel: Der 1938 in Essen geborene Fußballspieler und Trainer gewann zahlreiche Titel und wurde 2004 mit der griechischen Nationalmannschaft Europameister.
- Gustav Heinemann: Der spätere Bundespräsident lebte lange in Essen und leitete als Oberbürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau der Stadt.
Typische Speisen und Getränke
Die Essener Küche ist von der bodenständigen Ruhrgebiets- und westfälischen Küche geprägt. Typisch sind einfache und kräftige Gerichte, die früher Bergleuten und Industriearbeitern ausreichend Energie geben sollten.
- Currywurst mit Pommes: Besonders beliebt ist die Variante „Pommes Schranke“ mit Ketchup und Mayonnaise.
- Erbsen- oder Linseneintopf: Ein sättigendes Gericht, das häufig mit Speck, Mettwurst oder Bockwurst serviert wird.
- Grünkohl mit Mettwurst: Ein traditionelles Wintergericht aus Westfalen und dem Ruhrgebiet.
- Himmel und Erde: Das Gericht besteht aus Kartoffelpüree, Äpfeln, Zwiebeln und gebratener Blutwurst.
- Panhas: Eine herzhafte Spezialität aus Wurstbrühe, Fleisch und Buchweizenmehl, die in Scheiben geschnitten und gebraten wird.
- Kartoffelpuffer: Die knusprig gebratenen Kartoffelfladen werden häufig mit Apfelmus serviert.
- Werdener Appeltaten: Diese lokale Spezialität aus dem Stadtteil Werden stellt Äpfel und Apfelgerichte in den Mittelpunkt.
Als bekanntestes Essener Bier gilt das Stauder Pils. Die Familie Stauder braut seit mehr als 150 Jahren im Stadtteil Altenessen und ist eng mit Essen und dem nördlichen Ruhrgebiet verbunden.
Typische Souvenirs aus Essen
Beliebte Erinnerungsstücke greifen vor allem die Industriegeschichte, den Bergbau und die bekannten Wahrzeichen der Stadt auf.
- Magnete, Postkarten und Tassen mit dem Doppelbock der Zeche Zollverein
- Kleine Fördergerüste, Grubenlampen oder Bergmannsfiguren
- Produkte mit dem traditionellen Schlägel-und-Eisen-Motiv
- Grubenseife und Geschenkartikel in Kohleoptik
- Frühstücksbrettchen, Biergläser und Tragetaschen mit Essen-Motiven
- Fanartikel des Fußballvereins Rot-Weiss Essen
- Stauder-Bier, Essener Honig und regionale Spirituosen
- Souvenirs mit Motiven der Villa Hügel oder des Baldeneysees
- Weihnachtskugeln mit Essener Sehenswürdigkeiten
- Ausstechformen in Form von Fördergerüsten, Loren oder Schlägel und Eisen
Fazit
Essen ist weit mehr als eine ehemalige Industriestadt. Die Geschichte des mittelalterlichen Frauenstifts, die Ära von Kohle und Stahl, die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, der Wiederaufbau und der erfolgreiche Strukturwandel haben eine vielschichtige Großstadt hervorgebracht.
Das UNESCO-Welterbe Zollverein, hochkarätige Museen, historische Stadtteile und überraschend große Natur- und Erholungsräume machen Essen zu einem abwechslungsreichen Reiseziel im Herzen des Ruhrgebiets. Die Stadt verbindet ihre industrielle Vergangenheit mit moderner Kultur, wirtschaftlicher Stärke und einer hohen Lebensqualität im Grünen.